Leben im Busch

von WALTHER VOGEL

Birthes Leben „im Busch“ und ihr Waisenkinder-Projekt. Eine „objektive“ Schilderung aus der elterlichen „Vogelperspektive“.

Liebe Spender für Birthes „Waisenkinder-Projekt“!

Meine Frau und ich haben vom 04. bis 20. April 2003 Birthe in Mombasa besucht. Wir haben uns ein Bild von ihrem Leben dort machen können und dabei einen guten Einblick erhalten. Am Ende kamen wir auf die Idee, den Spendern einmal eine kurze „objektive“ Schilderung, eine „Spender-Rundschreiben-Extraausgabe“, sozusagen aus der „elterlichen Vogelperspektive“ zukommen zu lassen. Birthe fand die Idee gut, wenn jemand mit anderen Augen auch etwas zu ihrem Projekt sagt.

Birthe hat sich Kenia und insbesondere Mombasa, selbst ausgesucht, weil sie möglichst ursprüngliche Erfahrungen machen wollte. Das ist ihr mit Sicherheit gelungen! Mombasa ist schon „very special“: Für einen älteren Europäer ist das Leben in einer schwarzen Bevölkerung, die in einer z.T. großen Armut lebt, direkt neben den „goldenen Käfigen“ (in den an der Küste wie an einer Perlenkette aufgereihten Hotels) gewöhnungsbedürftig.

Handeln auf Kiswahili mit großem Unterhaltungswert

Bei unserem Gang durch die von einer geschäftigen Wuseligkeit bestimmten Stadt, in der an jeder Ecke aus allem Geld gemacht wird, was man verkaufen kann, und die nicht unseren Sauberkeitsmaßstäben entspricht, wo neben Müllhaufen unter Holzverschlägen Autos repariert, Möbel aus Bambus geflochten und Kokusnüsse verkauft werden, waren wir froh, eine ortskundige Reiseleiterin an unserer Seite zu haben.

Jeder, der versuchte, Birthe als weiße Touristin („Mzungo“) anzusehen und einen entsprechenden Preis verlangte, bekam auf „Kiswahili“ zu hören, was sie davon hielt. Sie versetzte ihr Gegenüber durch die Kenntnis der Landessprache in eine Mischung aus Respekt und Erstaunen und handelte dann mit Charme und Humor – in einer lustigen Verhandlung mit großem Unterhaltungswert - den angemessenen Preis aus.

„Matatu“-Fahren: Abenteuer mit Nervenkitzel

Ein besonderes Erlebnis ist auch das Fahren mit den „Matatus“, den (mit fünf Sitzbänken, incl. Fahrerbank) für maximal 15 Personen zugelassenen Kleinbussen, die den öffentlichen Personennahverkehr tragen: Schon von weitem werben die „Schaffner“ wild gestikulierend und laut rufend potentielle Fahrgäste. Der Bus ist zwar vollbesetzt, aber auf jede Bank passen auch vier Personen, der „Schaffner“ hängt ohnehin draußen auf einer Stange am Einstieg und drei weitere Fahrgäste stellen sich locker daneben. Der „Schaffner“ schlägt mit der flachen Hand zweimal auf die Karosserie und die „Fahrt“ geht los! – Bis zu 24 Personen werden auf diese Weise mit einem solchen Gefährt transportiert, an dem aber auch alles klappert, was klappern kann und in dem es nichts gibt, was nicht kaputt wäre. – Von der abenteuerlichen Fahrweise, die diese Fahrt zu einem Nervenkitzel werden lässt, ganz zu schweigen …

Sehr neugierig waren wir auf Birthes Einsatzstelle, das „Wema-Centre“. Hier schält sie nun seit sieben Monaten Kartoffeln in der Küche und versucht sich in der übrigen Zeit selbst eine sinnvolle Beschäftigung zu suchen. Denn eine klare Organisation, in der das geregelt wäre, gibt es nicht. Die Kinder werden zwar unterrichtet, aber an den Nachmittagen sind sie weitgehend sich selbst überlassen. Es fehlt ein klares pädagogisches Programm. Die Leiterin des Heimes ist „Lucy“, ist eine reiche Kenianerin, die vor vier Jahren die ersten Kinder von der Straße aufgelesen und in einem Haus untergebracht hat. Seitdem hat sie immer mehr Kinder aufgenommen. Über 100 Kinder leben mittlerweile in dem Haus und besuchen eine Schule. Hinzu kommen noch ca. 200 Kinder aus der Umgebung, die sozusagen „Tagesgäste“ sind und hier z.T. betreut werden.

„Wema-Centre“: Deutsche Marineflieger aus Mombasa helfen

„Lucy“ hat es nicht an Aktivitäten fehlen lassen, Sponsoren in ihr Projekt einzubinden. Auch die Bundeswehr, die mit einem 150 Mann starken Marineflieger-Kontingent und drei Flugzeugen den Schiffsverkehr überwacht, unterstützte das Heim von Anfang an mit großer Tatkraft. Mittlerweile ist das 5. Kontingent dorthin verlegt worden (die Soldaten bleiben immer 12 Wochen, dann wird wieder gewechselt). Jedes Kontingent baut dann irgend etwas Neues: Duschräume, Toiletten, einen Hühnerstall oder einen Spielplatz. Die Soldaten machen allerdings die Erfahrung, dass ihnen viele bei der Arbeit zugucken, aber keines der – älteren – Kinder mal mit anpackt. Niemand fordert sie dazu auf. Sie nehmen das alles so hin, freuen sich zwar darüber, aber entwickeln eine passive Haltung, nach dem Motto: Man bekommt ja alles. Das hat auch Birthe sehr gestört und das war auch der Grund für sie, sich für ihr eigenes Projekt zu engagieren.

Wie dem auch sei: Der Kontakt zur Bundeswehr hat Birthe schon viel geholfen, denn zu jedem Kontingent gehört z.B. ein Arzt und der konnte sie schon so manches Mal beruhigen bzw. fachgerecht versorgen. Jeder Soldat kennt sie, irgend jemand grüßt sie immer im „Ort“. In einer Broschüre, die der Presseoffizier über die Arbeit der Soldaten im „Wema-Centre“ heraus gebracht hat, wird sie als „Nordlicht“ vorgestellt. Mittlerweile ist sie die „Standortälteste“. Wir hatten die Gelegenheit, einige ihrer „Kameraden“ kennenzulernen und haben ein gutes Gefühl in Bezug auf die Fürsorge für unsere Tochter mitnehmen können.

Schlüsselerlebnis: Kleinkind läuft über einen Kilometer, weil es Hunger hat

Über das „Wema-Centre“und die dort angestellte „Hausmutter“ Christine lernte Birthe deren Schwester, ihre „Gastmutter“ Alice kennen, bei der sie sich immer am Wochenende aufhält. Vor eineinhalb Jahren hatte Alice begonnen, vier Vollwaisen zu unterstützen, so wie es ihre finanziellen Möglichkeiten zuließen. Seit einiger Zeit betreut sie fünf Halbwaisen, deren aidskranke Mutter die Kinder aber kaum noch versorgen kann. Im November stand diese Mutter vor der Alice und bat Alice um Unterstützung. Alice sagte ihr, sie solle warten, denn sie müsse erst sehen, wie sie das finanziell regeln könne. Sie fragte Birthe, die zu dieser Zeit auch noch ein Schlüsselerlebnis hatte: Sie erlebt mit, wie eines der Kleinkinder den über einen Kilometer langen Weg zu Alice gelaufen kam, weil es Hunger hatte. Da entschloss sie sich, etwas zu tun.

Und so begann Birthes Projekt, das durch Ihre bzw. eure Spenden finanziert wird. Ihre größte Sorge war, dass das Geld auch zweckentsprechend verwendet wird. Zu leicht verschwindet in Kenia Geld und man weiß nicht, ob man allen Leuten, die „Gutes“ tun, auch trauen kann. Die Gedanken um dieses Thema haben sie phasenweise sehr bewegt, sie zweifeln lassen. Manchmal hörte sie irgendwelche Gerüchte und sie wusste gar nicht mehr, wem sie trauen konnte. Das wussten wir durch viele Gespräche bzw. Mails. Es war ihr und uns wichtig, dass auch einmal andere als sie selbst die Verhältnisse aus der Nähe studierten.

Alle Kosten bis ins Detail erläutert

So hat sich die Lage für uns dargestellt: Birthe geht mit dem Geld sehr sorgsam um. Sie hat sich von Alice alle Kosten bis ins Detail erläutern und die Belege vorlegen lassen. Alice hat für jede Ausgabenart (Schulgelder, Essen, Kleidung etc.) ein eigenes Buch angelegt und uns diese alle einzeln gezeigt. Angeschafft werden musste sozusagen als Grundausstattung für alle Kinder eine Schuluniform und eine Bibel, auf der Wunschliste stehen noch Matrazen, da vier Kinder auf der Matraze von Alice bzw. auf dem Sofa schlafen, und zwei Hochbetten. Das Schulgeld für Mapenzi, dem Kind, das die High School besuchen darf, wird vom dortigen Rotary Club und einer anderen Organisation übernommen.

Der Staat tritt übrigens in solchen Fällen nicht ein. Er stellt lediglich eine Bescheinigung aus, in der bestätigt wird, dass jemand soundsoviele Waisenkinder betreut. Mit dieser Bescheinigung kann man an Firmen und wohltätige Einrichtungen herantreten und um finanzielle Förderung bitten. Unterstützung gibt es vor allem beim Schulgeld. Es muss aber der Nachweis für gute Leistungen erbracht werden, wenn man sie behalten will. Für die Lebenshaltungskosten müssen andere Wege gefunden werden.

Alice ist Christin und gehört zur Richtung der „born again“. Sie ist tief religiös und ist schon mehrere Wochen durchs Land gereist, um zu „predigen“, Leute von ihrem Glauben zu überzeugen. Nach allem, was wir über sie gehört und wie wir sie erlebt haben, macht sie einen absolut zuverlässigen und glaubwürdigen Eindruck. Um „ihre“ Kinder unterzubringen, hat sie den Mietern von zweien der vier Räume, die sie vermietet hatte, gekündigt und möchte dort die Kinder einziehen lassen. Für einen solchen Raum erhält sie 1000 Schilling (ca. 12 Euro) – das ist ihre Einnahmequelle, aus der sie nach der Scheidung von ihrem Mann ihren Lebensunterhalt finanziert. Diese Miete soll demnächst aus den Spendengeldern finanziert werden. Zu den festen Kosten gehören auch noch einmal 1000 Schilling für ein Hausmädchen, das bei der Betreuung der Kinder hilft.

Strukturen für die Zeit „danach“: Regelmäßige Prüfung durch Fachmann

Aus den einmaligen Spenden und mit Daueraufträgen konnten sowohl die einmaligen Kosten als auch die laufenden Kosten finanziert werden. Auch für die Zukunft ist damit die Versorgung gewährleistet. Um Vorsorge für die Zeit „danach“ zu treffen, hat Birthe in unserem Beisein in einem „offiziellen Gespräch“ (wir spielten dabei sozusagen die Rolle der Vertreter der Spender) mit Alice und einem Fachmann, dem Verwaltungsleiter des „Wema-Centres“, Timothy, zu dem Birthe ein besonderes Vertrauen hat, „Strukturen“ geschaffen:

Alice legt ab Mai ein reguläres „Cash book“ an, in dem alle Ausgaben vermerkt werden. Das Buch und die Belege werden alle drei Monate von Timothy geprüft (bei der ersten Prüfung wird Birthe also noch in Mombasa sein). Monatlich schreibt Alice einen Bericht über die Entwicklung der Kinder, damit Birthe informiert und die Spender auf dem Laufenden gehalten werden können. Sollten auch vor Ort Sponsoren gefunden werden, sollen evtl. dann „überschüssige“ Beträge auf dem Konto gesammelt werden, damit eine kleine Rücklage für besondere Fälle (z.B. Krankheiten) gebildet werden kann. Eine Erweiterung ihres Projektes, das Alice evtl. mal für später vorschwebt (denn es gibt leider allein in ihrem Dorf offenbar erschreckend viele Fälle von Aids, weitere Waisen sind also vorprogrammiert), soll erst dann ins Auge gefasst werden, wenn sich die bisherige Arbeit über einen längeren Zeitraum konsolidiert hat.

Projekt und Personenen machen einen absolut glaubwürdigen Eindruck

Birthe spürt, dass sie eine große Verantwortung mit ihrem Projekt – auch für die Zukunft - übernommen hat, was ihr auch heute noch Sorgen bereitet (sie ist in diesem Punkt immer noch etwas ängstlich): Was ist, wenn ich trotzdem getäuscht werde, wenn auch Alice korrupt ist und der Kontakt zu mir nur entstanden ist, weil ich an deutsche Gelder heran komme? Was sagen dann die Spender? - Wir haben sie in diesem Punkte beruhigt: Wenn nach allem, was sie mit großem Engagement getan hat, wie sie alles geprüft hat und nachdem auch wir Eltern den Eindruck gewonnen haben, dass das Projekt und die damit verbundenen Personen einen absolut glaubwürdigen Eindruck machen, wenn also dann noch etwas „faul“ sein sollte, dann wird ihr später keiner der Spender einen Vorwurf machen. – Vielleicht könnte ihr bei Gelegenheit mal der eine oder andere einen entsprechenden Hinweis geben. Das würde sie „endgültig“ beruhigen.

Zwei Wochen konnte Birthe im Hotel bei uns übernachten, täglich duschen, „richtige“ Mahlzeiten zu sich nehmen und den Komfort von Touristen genießen – jetzt ist sie wieder „im Busch“. – Wir haben natürlich auch ihr Zimmer gesehen, in dem sie es sich – ohne Klimaanlage (für uns bei der Hitze und Feuchtigkeit schwer zu ertragen) – wohnlich eingerichtet hat. Sie hat ihre ca. 12 Quadratmeter in verschiedene Ecken eingeteilt:

Wohnzimmer, Schlafzimmer, Essecke, Arbeitsecke mit all ihren „Schätzen“ und Küchenecke. Über ihrem Bett hängt ein Moskitonetz, die Fenster haben – wie dort fast üblich – keine Fenster, sie wohnt richtig einfach. Wenn sie duschen will, gießt sie Wasser aus einem Kanister in einen Topf und schüttet sich den Inhalt über den Körper.

Schreiben von Mails: Stromausfall und elendig langsame Verbindung

Wir wurden von ihrer Vermieterin zum Essen eingeladen, incl. Hilfe bei der Vorbereitung. Ständig kam jemand herein, hielt einen Plausch und so konnten wir viele aus der näheren Verwandtschaft und Bekanntschaft des Hauses kennen lernen und so einen guten Einblick auch in das tägliche Leben bekommen.

Was Birthe bedauert: Sie hätte gern eher ihren Spendern direkt, persönlich, handschriftlich gedankt. Leider ging hier und da mal ein Brief verloren oder dann stürzte im Internet-Café das ganze System zusammen, weil Stromausfall war – nachdem sie eine Mail geschrieben hatte … Wir haben es selbst erlebt, es ist etwas anderes, ob man hier eine Mail schreibt oder dort. Wegen der schlechten Verbindung bauen sich die Seiten sehr langsam auf – das dauert z.T. immer einige Minuten – und wenn man dann eine Mail fertig hat, dauert das Versenden elendig lange. Unsere Geduld war ziemlich strapaziert, Birthe hatte sich schon längst die kenianische Art angewöhnt … Birthe möchte aber durch uns vorsorglich allen Spendern (noch einmal) herzlich danken, dass sie sich an der Aktion beteiligen. Sie ist sehr gerührt von der Anteilnahme von Ihnen und euch allen!

Herzlichst, Ihre / Eure

Ivesa und Walther Vogel


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